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Was Babys uns lehren können

Babywatching: Förderung der Empathie und Sensitivität - Prävention gegen Angst und Aggression. Ein Bericht aus drei Perspektiven.

Was ist Babywatching?

Das Grundkonzept von B.A.S.E.®-Babywatching wurde vom Bindungsforscher Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch entwickelt. Dabei kommt ein Elternteil mit seinem wenige Wochen alten Baby mehrmals für eine halbe Stunde zu Besuch in eine Kindergartengruppe oder eine Schulklasse. Die Kinder sitzen im Stuhlkreis, während die Mutter oder der Vater mit dem Baby auf einer Decke in der Mitte sind und das machen, was gerade dran ist: füttern, beruhigen, spielen oder Windel wechseln – so, wie sie es zuhause auch tun würden. Unter der speziellen Anleitung und Fragetechnik einer ausgebildeten B.A.S.E.®-Gruppenleitung berichten die Kinder, was sie gerade beobachten. Da der Elternteil mit dem Kind für ein halbes oder ganzes Jahr einmal wöchentlich in die Gruppe kommt, können die Kinder die Entwicklung des Babys hautnah miterleben. Für viele Einzelkinder oder jüngere Kinder in der Geschwisterreihenfolge ist dies die erste und oft einzige Möglichkeit, die Meilensteine der Entwicklung eines Babys im Verlauf der ersten Lebensmonate zu beobachten.

Ziel dieses Präventionsprogramms ist es, die Feinfühligkeit und Empathiefähigkeit der Kinder zu stärken, indem sie unter Anleitung lernen, Verhalten und Emotionen genau zu beobachten und sich in Mama/Papa und Baby einzufühlen. Im weiteren Verlauf sollen diese Fähigkeiten dann auf alltägliche Situationen übertragen werden. So sollen die Kinder bestärkt werden, sich feinfühliger, sozialer sowie weniger ängstlich und aggressiv zu verhalten. Die Wirksamkeit von B.A.S.E.®-Babywatching im Kindesalter konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden (Brisch, 2013; Brisch & Hollerbach, 2018).

Babywatching mit Erwachsenen

Um zu erfassen, ob das B.A.S.E.®-Babywatching auch bei Erwachsenen als Mentalisierungs- und Empathie-Training wirkt (und so auch in anderen Kontexten wirkungsvoll anwendbar ist), wurde die Babybeobachtung unter modifizierten Bedingungen in einer Lehrveranstaltung im Herbst 2019 an der Universität Salzburg mit Psychologiestudierenden durchgeführt. In der begleitenden Pilotstudie zeigte sich ein eindeutiger Trend der Empathie-Verbesserung bei den B.A.S.E.®-TeilnehmerInnen, nicht so jedoch bei der Kontrollgruppe, die sich im Rahmen einer Vorlesung mit der Analyse der Qualität von Eltern-Kind-Interaktionen beschäftigte (Knape, Krämer & Priewasser, 2021).

Erfahrungsberichte

Beobachtet werden - Babywatching aus der Perspektive einer Mutter

Franziska Bock: „Ich durfte mit meinem Sohn Vincent im Herbst 2019 am B.A.S.E.®-Babywatching an der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrveranstaltung teilnehmen. Vincent war zu Beginn der Veranstaltung etwa drei Monate alt. Wir waren insgesamt in vier Einheiten im Laufe des Semesters dabei und haben die Zeit sehr genossen. Da Vincent mein zweites Kind ist, war es für mich (und wahrscheinlich auch für ihn) schön, mal eine halbe Stunde Exklusiv-Zeit miteinander verbringen zu können, ohne dass man dabei noch einem weiteren Kind, dem Haushalt oder etwas Ähnlichem gerecht werden musste. Vor Beginn des Babywatchings war ich zugegebenermaßen etwas skeptisch, ob es vielleicht komisch sein könnte, von so vielen Menschen beobachtet und kommentiert zu werden. Dem war allerdings nicht so. Es herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre und sowohl ich als auch die Studierenden wurden gut angeleitet und durch die jeweiligen Einheiten begleitet. Es war auch spannend zu hören, was die Studierenden bei uns beobachteten, was ich vielleicht gar nicht so wahrgenommen habe. Insgesamt war das Babywatching eine wirklich tolle Erfahrung und ich bin sehr froh und dankbar, dass Vincent und ich diese Erfahrung machen durften.“

Die emotionale Reise einer B.A.S.E.®-Gruppenleiterin

Marina Pollhammer: „Ich habe die eintägige Ausbildung zur B.A.S.E.®-Gruppenleiterin im Frühjahr 2019 bei Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch in Salzburg absolviert, sodass ich im Herbst 2019 die erste Studierenden-Gruppe in Salzburg anleiten durfte. Mit interessierten Frauen gab es im Vorfeld kurze Gespräche, pünktlich zum Semesterstart konnten wir dann loslegen.

Meine Aufgabe als Gruppenleiterin war es, die Gruppe mit spezifischen Fragen durch die verschiedenen Ebenen des Handelns und der Gefühle zu führen. Dabei gilt es, bewusst erstmal einen Schritt zurückgehen und darauf achten: Was sehe ich da? Was macht die Mama? Was macht das Baby? Was denken wir, wie fühlt sich die Mama gerade? Wie geht es dem Baby? Wie würden wir uns jetzt fühlen? So werden die Teilnehmenden von der beobachtbaren Verhaltensebene bis zum Transfer auf die Gefühlsebene begleitet.

Als B.A.S.E.®-Gruppenleiterin gilt es also, immer wieder die Rolle zwischen Beobachterin und Anleiterin zu wechseln. Am Anfang ist das eine ziemliche Herausforderung, da ich nicht nur den passenden Moment abpassen muss, um die entsprechenden Fragen in die Gruppe zu stellen. Es ist außerdem wichtig, den Teilnehmenden auf ihre Beobachtungen Rückmeldung zu geben und sie an gegebener Stelle zu motivieren, ihre Beobachtungen zu verbalisieren. Während der Babybeobachtung ist mir schnell aufgefallen, dass der Arbeitsauftrag „nur Beobachten“ sehr einfach klingt, aber durchaus nicht so einfach umzusetzen ist, weil wir unbewusst schnell ins Bewerten kommen. Im Alltag machen wir das oftmals sehr automatisiert.

Unmittelbar nach der Beobachtung haben die StudentInnen ihre Reflexion schriftlich festgehalten und dann fand der Austausch in der Gruppe statt. Bei diesen Reflexionsrunden war es sehr spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Mutter-Kind-Interaktion wahrgenommen wurde. So konnte man auch viel voneinander lernen.

Die Mütter hatten nach der Lehrveranstaltung die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder mit mir ihre Erfahrungen zu teilen, da ich sie wieder aus dem Raum hinausbegleitet habe. Das war für beide Seiten sehr bereichernd. Ich habe die Babybeobachtung lieben gelernt und bin davon überzeugt, dass dies ein wirksamer Weg ist, um Empathie und Feinfühligkeit zu fördern und präventiv gegen Angst und Aggression anzugehen, da es die sozialen Fähigkeiten schult und in den Mittelpunkt rückt.“

Was reines Beobachten mit mir macht - Erfahrungen einer Studentin

Pauline Bihari Vass: „Beim Babywatching konnte ich eine ganze Bandbreite unterschiedlichster Gefühle bei mir erleben. Das hat mich zu Beginn eher irritiert. Obwohl es von Anfang an kommuniziert wurde, dass unser eigenes Erleben während der Beobachtung wichtig ist, ist es im universitären Kontext ungewöhnlich, sich auf die eigene subjektive Erfahrung zu konzentrieren.

Daher war ich zu Beginn der Beobachtungen sehr damit beschäftigt, zu kontrollieren, was in mir vorgeht. Ich habe versucht, mich nicht von meinem eigenen Erleben mitreißen zu lassen und einen fast schon nüchternen Blick auf die Mutter-Kind-Interaktion zu behalten. Mit der Zeit habe ich jedoch festgestellt, dass es unmöglich ist, einen objektiven Blick während der Beobachtung zu haben und das, was in mir vorgeht, abzugrenzen. Die Beobachtung einer so zarten und intimen Situation zwischen Mutter und Baby machte etwas mit mir und ich kam unweigerlich mit mir selbst und meinen eigenen Bindungserfahrungen in Kontakt.

Im Laufe des Semesters gelang es mir immer besser, die Emotionen, die während des Babywatchings bei mir aufkamen, mit dem in Verbindung zu bringen, was ich im Verhalten von Mutter und Kind sehen konnte. Durch dieses konzentrierte Beobachten habe ich gelernt, immer mehr Details in der Interaktion wahrzunehmen.

Was mir dabei geholfen hat, war, dass ich während des Semesters eine Veränderung bemerkt habe, WIE ich meinem inneren Erleben während der Beobachtung begegne: Beim Babywatching habe ich mich meinem eigenen Erleben gewidmet, ohne verändern zu können, was ich beobachte und ohne Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Interaktion zwischen Mutter und Kind verläuft. Das Hineinversetzen in Mutter und Kind hat den Prozess des empathischen Beobachtens gefördert. Mit jeder Babybeobachtung gelang es mir zudem besser, mein eigenes Erleben nur zu beobachten und dadurch negative und positive Gefühle gleichermaßen zuzulassen und wahrzunehmen, ohne diese verändern zu wollen.“

Ausblick

Die persönlichen Erfahrungsberichte sowie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation weisen darauf hin, dass sich die Methode B.A.S.E.®-Babywatching auch über die Anwendung im Kindesalter hinaus durchaus für angehende Psychologinnen und Psychologen oder für weitere pädagogische und psychosoziale Berufsfelder oder auch für Führungskräfte zur wirkungsvollen Förderung von Empathie eignet.

Literatur

Brisch, K. H. (2013): Prävention von emotionalen Störungen durch B.A.S.E.®-Babywatching. Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie, 159, 401-408.

Brisch, K. H., & Hollerbach, J. (2018). BASE—Babywatching: An attachment‑based program to promote sensitivity and empathy, and counter fear and aggression.

Knape, F. C., Krämer, A., & Priewasser, B. (2021, 14. Mai) B.A.S.E® Babywatching - Das Erleben der Mutter-Kind-Bindung als Empathietraining für angehende PsychologInnen [Konferenzbeitrag]. Early Life Care Konferenz, Salzburg, Austria.

Franziska Bock

Franziska Bock befindet sich kurz vor ihrem Abschluss des Bachelorstudiums der Psychologie an der Universität Salzburg und absolvierte ein Praktikum am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Sie ist Mutter von zwei Kindern und engagiert sich ehrenamtlich als Stillberaterin.

Marina Pollhammer

Mag. Marina Pollhammer ist Assistentin am Institut für Early Life Care an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Sie ist ausgebildete B.A.S.E.®-Gruppenleiterin und B.A.S.E.®-Mentorin und hat an der Universität Salzburg Publizistik und Kommunikations- / Politikwissenschaften studiert.

Pauline Bihari Vass

Pauline Bihari Vass B.Sc. schreibt derzeit ihre Masterarbeit an der Universität Salzburg zum Zusammenhang zwischen Bindungsrepräsentation und Mitgefühl. Die Psychologiestudentin ist am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg als studentische Mitarbeiterin tätig.