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Haut auf Haut

Die Hebammen Susanne Ritz und Vera Witsch berichten vom bindungs- und bedürfnisorientierten Konzept ihrer Wochenbettstation in Köln.

In den meisten deutschen und österreichischen Kliniken ist es mittlerweile selbstverständlich, den Haut-zu-Haut Kontakt zwischen Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt bis zur zweiten Lebensstunde zu fördern. Im Krankenhaus der Augustinnerinnen in Köln wird dieser Hautkontakt sogar während der gesamten Zeit auf der Wochenstation weitergeführt und darüber hinaus auch für die ersten Tage bis Wochen empfohlen. Es handelt sich um eine effektive Methode, durch die größtmögliche Gesundheit, sichere Bindungserfahrungen und feinfühlige Familien entstehen.

Warum ist der Hautkontakt so entscheidend für die Eltern?

Vielen Eltern fällt es schwer, Geborgenheit zu geben, die Bedürfnisse ihres Babys zu erkennen und angemessen darauf einzugehen. Sie müssen dieses Feingefühl erst neu erlernen. Häufig haben Eltern vor der Geburt den Glauben, dass sie intuitiv wissen werden, welches Bedürfnis ihr Kind zeigt. Dies ist allerdings eher selten der Fall und es fühlt sich für die Eltern dann oft sehr schmerzhaft an, wenn sie merken, dass sie dieses Bauchgefühl nicht mitbringen.

Vor der Umstrukturierung haben die Mitarbeiter*Innen der Wochenstation des Krankenhauses der Augustinerinnen es immer wieder erlebt, dass Eltern nicht wussten, dass sie ihrem weinenden Baby vor allem erst einmal Körperkontakt geben sollten. Oft ließen sie ihr eigenes Neugeborenes so lange schreien, bis das Pflegepersonal kam oder das Baby vor Erschöpfung aufhörte zu weinen.

Wenn das Baby nun in den ersten Lebenstagen dauerhaft im Hautkontakt mit den Eltern sein darf, müssen die Eltern erst gar nicht auf die Idee kommen, das Baby bei den ersten Bedürfnisanzeichen in den Körperkontakt zu nehmen, da es bereits dort liegt. Zudem entwickeln alle Beteiligten eine besonders hohe Oxytocin-Ausschüttung. Diese führt dazu, dass Eltern viel schneller ein Feingefühl für ihr Baby entwickeln und die Kompetenzen zu sicherem Bindungsverhalten sich fast von alleine einstellen. Sie fangen ganz automatisch an, mit ihrem Kind zu sprechen, erlernen durch dieses intensive Beisammensein sehr viel schneller, welche feinen Signale das Baby zeigt. Und vor allem merken sie, wie entspannt das Baby bleibt, wenn prompt auf die Bedürfnisse eingegangen wird.
Dies gibt den Eltern ein gutes Selbstwertgefühl für die Zeit zu Hause.

Was gibt der Hautkontakt den Babys?

Geborgenheit ist die Basis jeglicher Entwicklung (physisch, emotional, charakterlich…) und besonders wichtig für eine gesunde Autonomieentwicklung. Babys, die sich beschützt und behütet fühlen, werden mit der Fähigkeit ausgestattet, mutig die Welt zu erkunden.

Im engen Hautkontakt fühlen sich die Babys besonders beschützt und behütet. Das rasch entwickelte Feingefühl der Eltern gibt ihnen zusätzlich eine große Sicherheit. Sie sind entspannter und zeigen deutlicher ihre Bedürfnisse.  So sind die Babys in der Lage, zur Brust zu krabbeln und selbständig zu trinken, den Eltern zu verdeutlichen, wann sie ausscheiden möchten und vor allem haben sie schon in den ersten Lebenstagen viele entspannte Wachphasen, in denen sie ihre Eltern anschauen und diese voller Liebe erkunden. Diese Kompetenzen entwickeln sich bei angezogenen Babys deutlich später, manchmal in dem Maße vielleicht sogar gar nicht.

Die Babys sind im engen Hautkontakt perfekt gewärmt. Das bedeutet, dass auch ihre Hände und Füße warm sind! Blutzuckerschwankungen können im Hautkontakt stabilisiert werden und die Anzahl von Babys mit therapiebedürftiger Hyperbilirubinämie konnte um die Hälfte reduziert werden.

Geeignete Hilfsmittel

Es ist wichtig, dass dieser Hautkontakt sicher gestaltet wird. Nur dann fühlen sich alle Beteiligten geborgen und entspannt. Die Eltern werden bereits in der Schwangerschaft in Form eines Infoabends, Geburtsvorbereitungskurses und eines Anmeldegespräches auf diesen intensiven Hautkontakt vorbereitet. Die Vorstellung, dass das eigene nackte Baby bei ihnen auf der Haut liegt, ist für viele Eltern sehr intensiv und es ist wichtig, dies vorzubereiten.

Auch werden die Eltern dazu angehalten, immer das Pflegepersonal zu rufen, sobald sie anfangen sich unwohl bzw. unsicher zu fühlen. Sie erhalten einen Flyer zum Hautkontakt, leihweise ein Bondingtop und, für kurze eventuelle Unterbrechungen des Hautkontaktes, einen wärmenden Babybeutel (https://bondingsäckchen.de).

Die Folge dieser Umstrukturierung auf intensiven Hautkontakt ist auch eine große Arbeitserleichterung für das Pflegepersonal, besonders praktisch in Zeiten von allgegenwärtigem Personalmangel. Es ist nach wie vor das Schönste zu sehen, wie entspannt diese Familien zusammenwachsen können, wie geborgen sich die Babys fühlen und wie glücklich und gestärkt die Eltern nach Hause gehen.

Mehr zu diesem tollen Konzept können Sie auf der Fortbildung: "Auf den Anfang kommt es an" erfahren. Die Online-Veranstaltung findet am 18. September 2021 statt, die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Informationen zum Veranstaltungsprogramm und zur Anmeldung finden Sie hier.

Susanne Ritz

Hebamme und SAFE-Mentorin im Krankenhaus der Augustinerinnen - Severinsklösterchen, Mutter von zwei bereits erwachsenen Kindern.

Vera Witsch

Hebamme und SAFE-Mentorin im Krankenhaus der Augustinerinnen - Severinsklösterchen, Mutter und schwanger mit dem zweiten Kind.

Beide Autorinnen haben eine große Leidenschaft für das bindungs-und bedürfnisorientierte Frühwochenbett entwickelt. Der große Traum beider Hebammen ist es, dass sich noch viel mehr Kliniken entscheiden, diesen intensiven Hautkontakt einzuführen.