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Fremdbetreuung von Kindern - ein Bindungsthema für Klein und Groß

Sich von den Eltern zu lösen ist für Kinder eine Herausforderung – aber Kinder abzugeben ist auch nicht immer leicht. Ein Beitrag von Leonie Aap MSc.

Kinderbetreuung

Es gehört zu den ältesten Sozialisationsbedingungen von Kindern, dass auch andere Personen als Mama und Papa mal auf das Kind achtgeben. Früher gehörten die Betreuungspersonen dabei in den meisten Fällen dem erweiterten Familienverband (Großeltern, Tanten) oder der Nachbarschaft an. Heutzutage werden Familien eher von bezahlten Betreuungspersonen unterstützt, was häufig durch die geografische Distanz zur Ursprungsfamilie und der nachbarschaftlichen Anonymität in den Städten bedingt ist (Ahnert, 2004). Die (bezahlte) Fremdbetreuung von Kindern ermöglicht den Eltern kinderfreie Stunden, die meist für den Gelderwerb, den Haushalt oder kurze Erholungspausen genutzt werden. Wie aktuelle Zahlen zeigen, werden auch in Österreich immer mehr Kinder in außerfamiliären Einrichtungen betreut: Befanden sich 2009 noch 15,8 % der unter Dreijährigen in institutioneller Betreuung, sind es 2019 schon 27,6 % (Kaindl & Schipfer, 2020). Sich vorübergehend von der primären Bezugspersonen (zumeist Mutter/ Vater) trennen zu können, stellt daher eine bedeutende Entwicklungsaufgabe für Kleinkinder in unserer Gesellschaft dar. Diese womöglich ersten längeren Ablösungserfahrungen von den Eltern aktivieren dabei das Bindungssystem des Kindes - und das der beteiligten Erwachsenen.

Trennung aktiviert das kindliche Bindungssystem…

Babys und Kleinkinder sind auf Bezugspersonen angewiesen, die zuverlässig ihre Bedürfnisse erfüllen und die ihnen Schutz und Zuwendung geben. Dabei bauen Kinder eine emotionale und dauerhafte Bindungsbeziehung zu denjenigen Personen auf, die es regelmäßig umsorgen und die viel Zeit mit ihm verbringen - zumeist sind das Mutter und / oder Vater. Das Verhalten des Babys ist von Geburt an darauf ausgerichtet, sich die Nähe zu diesen Personen zu sichern, denn deren Anwesenheit sorgt für physische und psychische Sicherheit (Bowlby, 1969).

Außerdem ermöglicht diese sogenannte sichere Basis dem Kind, das ebenfalls angeborene Explorationsverhalten zu zeigen, also die Welt zu erkunden. Am besten funktioniert das mit dem sicheren Gefühl, dass Mama oder Papa im Hintergrund immer verfügbar sind – beispielsweise, wenn das Kind im Spiel merkt, dass ihm die Rutsche dann doch noch nicht so ganz geheuer ist und es jederzeit einen Elternteil dazu holen kann, um sie auf dessen Schoß auszuprobieren.  

Jede Trennung von den schutzgebenden Bindungspersonen versetzt das kindliche Bindungssystem zunächst einmal in Alarmbereitschaft. Insbesondere wenn die Umgebung neu ist und noch keine andere Person (sekundäre Bindungsperson) zur Verfügung steht, zu der das Kind bereits Vertrauen aufgebaut hat, können diese Situationen großen Stress auslösen. Genau deshalb ist eine Eingewöhnung in jede Form der Kinderbetreuung auch so wichtig. Um das alarmierte Bindungssystem zu beruhigen, entsteht im Kind als natürliche Reaktion das starke Bedürfnis, die Nähe zu seiner Bindungsperson, die ihm Schutz und Sicherheit bietet, wiederherzustellen – das funktioniert am besten mit Körperkontakt (Ainsworth & Wittig, 1969).

Sicher auf dem Arm von Mama oder Papa kann dann ein neuer Anlauf gestartet werden, die neue Umgebung oder die neue Person kennen zu lernen. So kommt dem Elternteil, das die Eingewöhnung des Kindes in die außerfamiliäre Betreuung begleitet, eine wichtige Aufgabe zu. Mama oder Papa können dem Kind die neue Umgebung verständlich und vertraut machen und dadurch den Stress des Kindes in einem Bereich halten, mit dem das Kind gut umgehen kann. Denn ein übermäßig stark aktiviertes Bindungssystem ist explorationshemmend – so kann ein noch so schönes Spielzimmer erst dann wirklich genutzt und entdeckt werden, wenn sich das Kind in der neuen Umgebung sicher fühlt.

Der eingewöhnende Elternteil hat deshalb die wichtige Rolle, gleichzeitig sicherer Hafen für das Kind zu sein und es in seiner Exploration zu bestärken / es los zu lassen. Manchmal ist es für Eltern gar nicht so einfach, selbstbewusst dafür einzustehen, was sie hier gerade leisten, schnell kann sich etwa ein Gefühl von Überflüssigkeit einschleichen. Jedoch - auch wenn der eingewöhnende Elternteil vielleicht „nur rumsitzt", so ist er dennoch unverzichtbar. Denn diese schützende Anwesenheit im Hintergrund ermöglicht dem Kind einen gelingenden Übergang in die neue Umgebung.

Wenn das Kind sich im neuen Betreuungsort wohlfühlt und gesehen in seinen emotionalen Bedürfnissen, kann es die vielleicht erste, längere Trennung von den Eltern gut schaffen. Tränen bei der Verabschiedung dürfen sein. Damit sich das Kind dann schnell und nachhaltig in den Armen der Bezugserzieherin beruhigen kann, braucht es Beziehung und einen feinfühligen Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen. Durch eine solche bindungsorientierte Eingewöhnung ist eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Betreuungseinrichtung auch zum Bindungs-, Entwicklungs- und Bildungsort werden kann.  

…und das der beteiligten Erwachsenen

Die - oftmals erste längere - Trennung vom Kind geht jedoch auch an den Eltern nicht spurlos vorbei. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Trennungserlebnisse auch bei uns Erwachsenen zeitlebens das Bindungssystem aktivieren: Unsere individuelle Bindungsgeschichte, also die Reaktionen unserer frühen Bezugspersonen auf unsere Bedürfnisse, werden in Form von mentalen Repräsentationen in einem größtenteils unbewussten, inneren Arbeitsmodell gespeichert (Bowlby, 1973; Berlin, Cassidy & Appleyard, 2008). Diese formen unsere Erwartungen darüber, wie enge soziale Beziehungen funktionieren (Bowlby, 1973; Berlin, Cassidy & Appleyard, 2008). Unsere individuellen Erlebnisse werden also zu einer Art „Faustregeln“, an denen wir dann auch unser gezeigtes Verhalten in sozialen Situationen orientieren.

Bedingt durch die eigene Bindungsgeschichte können also bei Eltern diese unbewusst gespeicherten Bindungserfahrungen wirksam werden und dazu führen, dass sie dem Kind gegenüber ungewollte Verhaltensimpulse setzen. Löst etwa der Beginn der Fremdbetreuung bei dem Elternteil starke Gefühle von z. B. Angst, Trauer, Konkurrenz oder Schuld aus, kann dies zur Folge haben, dass sie sich, z.B.  bei der morgendlichen Verabschiedung, in einer Weise verhalten, die dem Kind den Ablöseprozess erschwert oder gar unmöglich macht.

Auch die Erzieher*innen reagieren - insbesondere, wenn sie unter Stress oder Anspannung stehen (wie etwa während einer Eingewöhnung) - auf die kindlichen Signale gemäß ihrem eigenen inneren Arbeitsmodell: So kann die Bindungsgeschichte der pädagogischen Betreuungsperson unbewusst einen Einfluss darauf haben, wie feinfühlig sie die kindlichen Signale wahrnimmt und wie einfühlsam sie auf bindungsspezifische Verhaltensweisen des Kindes während seines Ablöseprozesses reagiert. Wenn etwa die eigenen Grenzen der Betreuungsperson in ihrer individuellen Bindungsgeschichte nicht gewahrt wurden, könnte das beeinflussen, wie feinfühlig sie mit besonders anhänglichem kindlichen Verhalten umgehen kann.

Reflexion und Selbsterfahrung über die eigene Bindungsgeschichte kann den Eltern sowie den Erzieher*innen helfen, sich mögliche Themen aus der eigenen Vergangenheit bewusst zu machen, die durch den Eingewöhnungsprozess aufkommen können. Ein reflektierter Umgang mit der eigenen Bindungsgeschichte kann dabei helfen, die eigenen Emotionen von denen des Kindes abzugrenzen, um mehr Kapazitäten für die Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse zu haben, damit das Kind bestmöglichst unterstützt werden kann.

 

Literatur

Ahnert, L. (2004). Bindungsbeziehungen außerhalb der Familie: Tagesbetreuung und Erzieherinnen-Kind-Bindung. Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung (S. 256-277). München: Ernst Reinhardt.

Ainsworth, M. D. S. & Wittig, B. (1969). Attachment and the exploratory behavior of one-years-olds in a strange situation. In B. M. Foss (Ed.), Determinants of infant behavior. Vol. IV (S. 113-136). London: Methuen.

Berlin, L., Cassidy, J. & Appleyard, K. (2008). The influence of early attachment on other relationships. In J. Cassidy & P. Shaver (Hrsg.), Handbook of Attachment. Theory, Research, and Clinical Application (S. 333-347). New York: Guilford Press.

Bowlby, J. (1969). Attachment and loss. Attachment (Vol. I). London: Hogarth Press.

Bowlby, J. (1973). Attachment and loss. Separation, Anxiety and Anger (Vol. II). New York: Basic Books.

Kaindl, M. & Schipfer, R. K. (2020). Familien in Zahlen 2020. Statistische Informationen zu Familien in Österreich. Abgerufen am 12. Oktober 2021, von https://www.oif.ac.at/fileadmin/user_upload/p_oif/FiZ/fiz_2020.pdf

 

Leonie Aap

Leonie Aap M.Sc. engagierte sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg in mehreren Forschungsprojekten über frühkindliche (Bindungs-)Entwicklung. Im Zuge ihres Doktoratsstudiums der Medizinischen Wissenschaften (Ph.D.) promoviert die studierte Psychologin derzeit über die Entwicklung der kindlichen Verhaltensregulation im Zusammenspiel erwachsender und kindlicher Bindungsparameter in der außenfamiliären Betreuung.