+43 662 65 901 514

Blog - Details

Familienleben im Lockdown: Was kann helfen?

Selina Ismair MSc. berichtet, welche Fähigkeiten für Familien in dieser herausfordernden Zeit hilfreich sind und wie diese gestärkt werden können.

Wenn Kinder nicht mehr in die Tagesbetreuung oder in die Schule gehen können, Eltern plötzlich zu Lehrenden werden, Kurzarbeit oder Jobverlust zur finanziellen Belastung führt und die Familie das Haus nur noch in dringenden Fällen verlassen darf - dann sind wir inmitten der COVID-19 Pandemie.

Aktuelle Studien decken auf, dass nicht nur die psychische Gesundheit  von Erwachsenen, sondern auch die von Kindern durch die Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 gefährdet ist (z.B. Budimir et al., 2021; Liang et al., 2020). Auswirkungen sind z.B. Angstzustände, Depressivität oder Schlafstörungen. Jedoch scheinen nicht alle Familien und Kinder gleichermaßen betroffen zu sein (z.B. Andresen et al., 2020). Dem Salzburger Forschungsinstitut für Early Life Care stellte sich deshalb die Frage, wie es den verschiedenen Familien während des ersten Lockdowns 2020 erging und wie es Familiensystemen gelingen kann, sich so an die neuen Herausforderungen anzupassen, dass mögliche Belastungen abgemildert werden.

An der dazu gehörigen Online-Umfrage beteiligten sich 602 Familien, 45 % davon kamen aus Österreich und 55 % aus Deutschland. Sie wurden nach ihren subjektiv empfundenen Belastungen sowie deren psychischen Auswirkungen befragt. Gleichzeitig wurde erhoben, welche Mechanismen den Familien im Lockdown geholfen haben, um ein gutes Familienfunktionsniveau aufrechtzuerhalten. Die meisten Befragten hatten einen hohen Bildungsabschluss und eine gute Wohnsituation (wie etwa genügend Wohnraum und Zugang zu Grünflächen), sodass die hier repräsentierte Stichprobe keine sozioökonomischen Risikofaktoren aufweist. Nur sehr wenige Eltern waren alleinerziehend oder berichteten von einer grundsätzlich stark belastenden Lebenssituation.

Doch trotz des durchschnittlich bis überdurchschnittlich hohen Lebensstatus der teilnehmenden Familien berichteten auch diese Eltern von einem allgemeinen Anstieg emotionaler- und verhaltensassoziierter Probleme ihrer Kinder. Verglichen wurde der Zeitpunkt des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 mit einer Situation vor dem Beginn der Pandemie. Die Kinder waren also beispielsweise häufiger traurig, konnten sich schlechter konzentrieren oder zeigten aggressives Verhalten. Dieser Symptomanstieg zeigt sich sowohl bei Säuglingen, als auch bei Kindern und Jugendlichen. Detailliertere Analysen ergaben dabei, dass diese kindlichen Symptome stärker ansteigen, wenn die Eltern selbst unter hohem akuten Stress standen. Die enorme Stressbelastung der Eltern scheint sich also auch auf die Kinder auszuwirken.

Familiäre Resilienzfaktoren als stärkende Komponente

Um den unterschiedlich starken Symptomanstieg der Kinder während der Pandemie noch besser verstehen zu können, wurde untersucht, ob bestimmte familiäre Eigenschaften mit einer besseren kindlichen Anpassungsfähigkeit in Verbindung gebracht werden können. Dafür wurde die Ausprägung von folgenden potentiellen Ressourcen erhoben: die Mentalisierungsfähigkeit der Eltern (also die Fähigkeit, sich in die eigenen, als auch in die Gedanken und Gefühle des Kindes einfühlen zu können), das Co-Parenting (die gemeinsame Elternschaft) und die familiäre Widerstandsfähigkeit (die Fähigkeit, einen Sinn im Leben zu finden und die Herausforderungen des Lebens als lösbar zu erleben).

Vorangegangene Forschung zeigte, dass die Mentalisierungsfähigkeit der Eltern eine gesunde sozioemotionale Entwicklung des Kindes begünstigt (Luyten et al., 2017). Im Gegensatz dazu stellt eine nicht-mentalisierende Haltung ein Risiko für die kindliche Entwicklung dar (Nijssens et al., 2020). Dieser Zusammenhang konnte auch in der beschriebenen Stichprobe gefunden werden: Kindliche emotionale und Verhaltensprobleme stiegen zum Zeitpunkt des ersten Lockdowns stärker an, wenn sich die Eltern in einem nicht-mentalisierenden Zustand befanden. Gerade in herausfordernden Zeiten scheint also die Mentalisierungsfähigkeit wichtiger denn je zu sein. Durch den Lockdown sind Kinder noch stärker auf die kommunikativen und reflektierenden Fähigkeiten ihrer Eltern angewiesen, damit diese die Probleme der Kinder erkennen, verstehen, benennen und diese regulieren können.  

Die eigene Mentalisierungsfähigkeit kann z. B. unter Anleitung gestärkt werden – dabei wird unter anderem geübt, Worte für die eigenen Gefühle zu finden und das Interesse für die Gefühlswelt des Gegenübers zu schärfen.

Zudem wurde vermutet, dass sich elterliches Co-Parenting während des Lockdowns positiv auf das gesamte Familiensystem auswirkt. Co-Parenting beschreibt, dass sich die Eltern in Erziehungsfragen einig sind, sich gegenseitig unterstützen anstatt zu unterdrücken, die Arbeit gleichmäßig aufteilen und die Familiendynamik gemeinsam bewältigen (Feinberg et al., 2012). Und tatsächlich bestätigen die Ergebnisse der Studie, dass Kinder weniger emotional und verhaltensauffällig waren, wenn die Fähigkeit der Eltern zum gemeinsamen Co-Parenting hoch war.

Um die Paarbeziehung zu stärken, kann es unter anderem hilfreich sein, zunächst selbstfürsorglich auf das eigene Energielevel zu schauen, um eine gute Ausgangsbasis für ein verbindungsbringendes Gespräch zu schaffen, in welchem dann z. B. die gemeinsame erzieherische Grundhaltung neu abgesteckt werden kann.

Schließlich wurde das Konstrukt der familiären Widerstandsfähigkeit untersucht, welches einen aktiven Ansatz im Umgang mit Stresssituationen beschreibt (McCubbin & McCubbin, 1988). Es bezieht sich zum einen auf die Erfahrung von Kontrolle, wenn die Familie mit einer Krise oder Herausforderung konfrontiert ist. Zum anderen geht es hierbei um die Fähigkeit der Familie, die Herausforderung als lösbar zu bewerten. Die Analyse der Daten bestätigte die Vermutung, dass Familien mit diesen Eigenschaften im akuten Lockdown Vorteile hatten, da hier pädiatrische Symptome vergleichsweise weniger stark angestiegen sind.

Um die familiäre Widerstandsfähigkeit zu stärken, kann zum Beispiel das eigene Kontrollerleben und die erlebte Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Ein hilfreiches Mantra könnte dabei sein: „Ich habe die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ In diesem Sinne kann etwa eine feste Struktur im Alltag Orientierung bieten, jedoch eine Lockerung der „Regeln“ im Bedarfsfall auch möglich sein („Freiheit in Grenzen“).

Was können wir aus diesen Erkenntnissen für den weiteren Umgang mit der Pandemie mitnehmen?

Wir leben in einer herausfordernden Zeit, die gleichermaßen Risiken wie auch Chancen für Entwicklung mit sich bringt. Die beschriebenen Ergebnisse zeigen sehr eindrucksvoll, dass auch Kinder und Jugendliche stark von der Pandemie betroffen sind, die Zunahme von emotionalen Schwierigkeiten und Verhaltensproblemen macht dabei vor keiner Altersgruppe Halt. Gerade deshalb schenkt die Aufdeckung von familiären Ressourcen Zuversicht. Diese lassen es möglich erscheinen, dass Kinder, Jugendliche und ihre Familien auch gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Besondere Herausforderungen gut meistern

Einige Zusammenhänge dieser Corona-Studie und die daraus abgeleiteten Empfehlungen finden Sie auch hier als Broschüre zum Download.

Literatur

Andresen, S., Lips, A., Moller, R., Rusack, T., Schroer, W., Thomas, S., & Wilmes, J. (2020). Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie.

Budimir, S., Probst, T., & Pieh, C. (2021). Coping strategies and mental health during COVID-19 lockdown. Journal of Mental Health.

Feinberg, M. E., Brown, L. D., & Kan, M. L. (2012). A Multi-Domain Self-Report Measure of Coparenting. Parent Sci Pract., 12(1), 1-21.

Liang, L., Ren, H., Cao, R., Hu, Y., Qin, Z., Li, C., & Mei, S. (2020). The Effect of COVID-19 on Youth Mental Health. Psychiatric Quarterly 91, 841-852.

Luyten, P., Nijssens, L., Fonagy, P., & Mayes, L. C. (2017). Parental Reflective Functioning: Theory, Research, and Clinical Applications. The Psychoanalytic Study of the Child, 70(1), 174-199.

McCubbin, H. I., & McCubbin, M. A. (1988). Typologies of Resilient Families: Emerging Roles of Social Class and Ethnicity. Family Relations, 37(3), 247-254.

Nijssens, L., Vliegen, N., & Luyten, P. (2020). The Mediating Role of Parental Reflective Functioning in Child Social-emotional Development. Journal of Child and Family Studies, 29, 2342-2354.

O’Connor, D. B., Aggleton, J. P., Chakrabarti, B., Cooper, C. L., Creswell, C., Dunsmuir, S., Fiske, S.T., Gathercole, S., Gough, B., Ireland, J. L., Jones, M. V., Jowett, A., Kagan, C., Karanika-Murray, M., Kaye, L. K., Kumari, V., Lewandowsky, S., Lightman, S., Malpass, D., Meins,

E., Morgan, B. P., Morrison Coulthard, L. J., Reicher, S. D., Schacter, D. L., Sherman, S. M., Simms, V., Williams, A., Wykes, T., & Armitage, C. J. (2020). Research priorities for The COVID-19 pandemic and beyond: A call to action for psychological science. British Journal of Psychology, 111, 603-629.

 

Selina Ismair

Selina Ismair M.Sc. ist Psychologin und ausgebildete SAFE®-Mentorin. Im Zuge ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf Familien und Familiensysteme sowie mit den Entstehungsbedingungen einer sicheren Vater-Kind-Bindung.