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Das Recht auf gewaltfreie Erziehung

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung – daran wird weltweit jährlich am 30.4. aufmerksam gemacht. Leider ist Gewaltfreiheit nicht für alle Kinder alltägliche Realität. Aber es gibt wirksame Präventionsmaßnahmen. Early-Life-Care-Absolventin Annemarie Depauly-Hechenberger hat in ihrer Masterarbeit den Ansatz der Elternberatung – Frühe Hilfen des Landes Salzburg unter die Lupe genommen.

Prävention von Gewaltsituationen durch eine sichere Eltern-Kind-Bindung und Stärkung von elterlichen Kompetenzen

Die Gewalt nimmt coronabedingt zu

Die Zunahme der Gewaltbereitschaft und die Erhöhung von Sucht und Depressionskrankheiten hat seit dem Beginn der Corona Pandemie in allen Bereichen zugenommen. Zahlen und Daten der Kinder- und Jugendhilfe Salzburg zeigen, dass im Vergleich der Jahre 2019 und 2020 um 39% mehr akute Abklärungen durch die Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt wurden. Die Leidtragenden sind die Kinder. Die Gewaltanwender*innen sind Erwachsene, die zum Teil in ihrer Kindheit selber psychische und physische Gewalt erleben mussten. Das sie diese weitergeben, kann daran liegen, dass sie durch erlernte und nicht korrigierte Werthaltungen, unreflektierte Bewältigungsstrategien und mangelnde Konfliktlösungsmodelle nicht in der Lage sind, in (Über) Forderungssituationen adäquat zu reagieren.

Die frühe Kindheit ist entscheidend

Wie die aktuelle Bindungsforschung zeigt, sind frühe Bindungserfahrungen richtungsweisend für die weitere emotionale und persönliche Entwicklung eines Kindes. Bausteine für das Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Einfühlungsvermögen in andere Menschen, werden in diesen frühen Jahren gelegt. Schon in den ersten Lebensmonaten wird die Grundvoraussetzung für die Regulierung von Emotionen und Stress erworben und abgespeichert. Die Kinder sind in dieser Zeit auf die Unterstützung ihrer Eltern bzw. Bindungspersonen angewiesen, sie möglichst feinfühlig in ihren Bedürfnissen zu begleiten. Diese entstehende emotionale Bindung, wird in der Forschung als „sicherer emotionaler“ Hafen bezeichnet und ermöglicht dem Säugling das Überleben (Bowlby 2008, Brisch, 2017). Als Voraussetzung für eine sichere Bindung des Kindes an seine Bezugsperson gilt ein feinfühliges Verhalten gegenüber allen Äußerungen des Fühlens, Wollens und Handelns des Säuglings. (siehe Grafik "Kreis der Sicherheit" weiter unten)

Überforderung kann zu Gewalt führen

Die Erfahrung als Elternberaterin in der Elternberatung – Frühe Hilfen in Salzburg zeigt, dass viele Eltern überfordert sind. Eltern, die selbst nie gelernt haben, mit ihrem eigenen Stress umzugehen und diesen in positive Bahnen zu lenken, sind schnell überfordert, wenn ihr Baby viel weint und sich kaum oder nicht beruhigen lässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Eltern „im Affekt“ reagieren um das Weinen des Kindes zu stoppen, ist hoch. Unbearbeitete Traumata können dazu führen, dass sich wiederholt, was in der Kindheit selbst erlebt wurde. Für Eltern, die ihren Kindern ursprünglich offen und liebevoll begegnen wollten, zeigt sich ihre Hilflosigkeit in der Steigerung der Gewaltbereitschaft.

Damit solche Gewaltsituationen verhindert werden können oder gar nicht erst entstehen, sind Einrichtungen der primären Prävention besonders wichtig.

„Elternberatung – Frühe Hilfen“ stärkt Eltern in ihren Kompetenzen

Die Elternberatung – Frühe Hilfen steht allen (werdenden) Eltern offen, mit ihren Anliegen, Fragen und Themen zu kommen. Es stehen Expert*innen aus der sozialen Arbeit, der Medizin, der Geburtshilfe und der Psychologie zur Verfügung, Eltern zu begleiten. In Einzelberatungen oder Gruppenangeboten wird mit den Eltern und/oder Bindungspersonen gearbeitet. Ein Teil der Arbeit ist die „Übersetzung“ der Feinzeichen des Kindes, die für die elterliche Bindung eine große Bedeutung haben.

Was heißt es, wenn mein Kind die Fäustchen ballt und zum Mund steckt, es grimassiert oder schmatzende Laute von sich gibt? Ist es müde oder hat es doch Hunger? Eltern darin zu bestärken, dass sie ihr Kind am besten kennen und am ehesten wissen, wie sie es feinfühlig unterstützen können, das sehen die Elternberater*innen als ihre Aufgabe in der Beziehungsarbeit mit den Eltern an und auch, dass das Baby die Erfahrung macht, dass es sich auf seine Eltern verlassen kann.

Wenn sich zeigt, dass Eltern unverarbeitete eigene traumatische Erfahrungen mitbringen, werden sie von den Expert*innen der Elternberatung – Frühe Hilfen darauf hingewiesen, dass diese Erfahrungen, wenn sie nicht bearbeitet werden, ein Risiko darstellen. Die Auseinandersetzung mit elterlichen Traumatisierungen ist bedeutend, um den Teufelskreis der Gewalt zu unterbrechen.

Die Elternberatung – Frühe Hilfen kann als Anlaufstelle genannt werden, um den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. Die multiprofessionelle und interdisziplinäre Arbeitsweise der Elternberater*innen zeichnet sich durch eine wertschätzende Haltung den Eltern gegenüber aus. Die Eltern werden unter anderem in Ihrer Interaktion mit dem Kind unterstützt und begleitet.

Wie wirkt die Elternberatung – Frühe Hilfen?

In meiner Masterarbeit habe ich anhand einer Studie untersucht, ob elterliche Kompetenzen im Rahmen der Begleitung durch die Elternberatung - Frühe Hilfen, insbesondere der Elternberatungsstunde, nach subjektiver Wahrnehmung der Eltern gefördert werden können und ob Eltern in Bezug auf ihre Feinfühligkeit eine Veränderung im Umgang mit ihren Kindern erkennen.

Um diese Fragen zu beantworten, wurden neun Mütter im Mai und Juni 2019 mittels theoriegestützten Leitfadeninterviews befragt. In der vorliegenden Studie wurden Mütter miteinbezogen, die regelmäßig die Elternberatung – Frühe Hilfen aufsuchten und sich freiwillig für ein Interview zur Verfügung stellten. Es wurden keine Männer interviewt, da im Erhebungszeitraum keine Väter die Einrichtung besuchten. Ebenso wurden keine Eltern befragt, die die Elternberatung – Frühe Hilfen auf Anordnung der Kinder- und Jugendhilfe aufsuchten. Die Studienergebnisse zeigen das subjektive Empfinden der Eltern und können nicht im Gesamten auf andere Gruppen/Einrichtungen übertragen werden.

Ergebnisse der Studie:Professionelle Beratung bringt mehr Sicherheit

In den Ergebnissen zeigt sich deutlich, dass die Elternberatung – Frühe Hilfen ein wichtiges Angebot im Bereich der Gesundheitsförderung für Kinder in den ersten Lebensjahren darstellt. Die befragten Mütter führen Austausch, Bestätigung, Sicherheit, Stärkung und Information als Bedürfnisse und Hauptgründe für die Inanspruchnahme des Angebotes an. Zudem wird von den Müttern angegeben, dass durch die interdisziplinäre und individuelle Beratung, ihre Fragen und Unsicherheiten beantwortet und beseitigt werden. Sie fühlen sich dadurch sicherer. Ihrer subjektiven Einschätzung nach, erleben sie sich auch feinfühliger und entspannter im Umgang mit ihren Kindern, was als Gewaltprävention gesehen werden kann.

„Ich tät sicher anders mit meinen Kindern, wenn es diese Einrichtung nicht geben würde. Da wäre ich sicher verlorener.“ (w, 38, verheiratet, 2 Kinder)„…und da ist das so super, wenn es Zentren gibt, wo man hinkommen kann. Da weiß man, da sind Leute, die haben die gleichen Probleme, genau dieselben Fragen wie man selbst, [...] mit Expertinnen ist es noch besser sich zu besprechen. Also gerade in der Stadt finde ich das super. Da verliert man sich schon schneller, glaub ich, wenn man nicht den familiären Rückhalt hat, was ja viele nicht haben.“ (w 31, 2 Kinder, Lebensgemeinschaft)

Die Studie zeigt auch: Je früher Eltern mit präventiven Angeboten wie der Elternberatungsstunde, Eltern-Kind-Gruppen, offenen Treffpunkten oder individuellen Beratungsangeboten erreicht werden können, desto effektiver greifen die Unterstützungen.

Diese präventiven Maßnahmen setzen ressourcenorientiert an der Erhöhung der elterlichen Kompetenzen an. Ziel ist es, die Erziehungskompetenzen zu fördern, damit Alltagssituationen positiv bewältigt werden können. Eine gesunde Entwicklung von Kindern hängt von der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung ab. Aus diesem Grund sieht die Autorin es als wichtig an, Eltern zu ermutigen, mit sich selbst in einen reflexiven Prozess zu treten, um starke Eltern für ihre Kinder zu sein.

Literatur:

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of attachment. A psychological study of strange situation. Hillsdale, Nj: Erlbaum.

Bowlby, J. (2008). Bindung als sichere Basis. München: Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG. Brisch, K. H. (2017).

Depauly-Hechenberger, A. (2020). Aus der Unsicherheit in die Sicherheit – Stärkung von Elternkompetenzen innerhalb der Elternberatung – Frühe Hilfen – Eine explorative Studie. Salzburg: Masterarbeit.

Annemarie Depauly-Hechenberg

Annemarie Depauly-Hechenberg ist Diplomsozialarbeiterin und Early-Life-Care-Absolventin der ersten Stunde. Seit 2014 arbeitet sie in der Elternberatung – Frühe Hilfen Salzburg. Der Mutter von zwei Kindern liegt das Thema Prävention besonders am Herzen, da in dieser frühen Zeit die Weichen des Lebens gestellt werden.

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